EWIGKEITSSONNTAG

Am Ende des Kirchenjahres erinnern wir an die Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres. Die Kirchengemeinde Hirschau trauert um 10 Gemeindeglieder, die wir zu Grabe tragen mussten. Im Gottesdienst wird jeder Name noch einmal gelesen. Das gemeinsame Leben nocheinmal bewusst erinnert und eine Kerze entzündet an der Osterkerze, die daran erinnert, dass Gott zur Auferstehung ruft.

 

I.
Liebe Gemeinde, 

heute ist ein besonderer Gottesdienst. Ganz am Ende des Kirchenjahres am Sonntag vor dem 1. Advent wollen wir an die Menschen erinnern, von denen wir heuer Abschied nehmen mussten. Noch einmal ganz bewusst. Dieses Jahr war schwer. Es ist immer schwer, wenn man einen Menschen verliert, der mir etwas bedeutet. Trauer ist ein Verlust, mit dem man erst einmal zurechtkommen muss. Manchmal braucht es Monate, manchmal hat man das Gefühl es hört nie auf, bis die Seele hinterherkommt. Heuer war das Abschiednehmen vielfach dazu noch vor ganz andere Herausforderungen gestellt. Bei Beerdigungsgesprächen, dann wenn eigentlich anderes auf der Seele liegt, waren Coronaregeln Thema. "Nein, es dürfen nur 15 Personen kommen", hieß es im Frühjahr. Kein Trauergottesdienst in der Kirche - nur am Grab. Oft hat eine Beerdigung nur 15 Minuten gedauert. „Halten Sie sich an Abstand und tragen Sie Maske!“, wo Trauer doch Nähe braucht: Eine haltende Hand oder ein stilles In-Arm-nehmen. Termine wurden nicht veröffentlicht. Vielen wurde so auch schlicht die Chance genommen in Würde und in einem angemessenen Rahmen Abschied zu nehmen. Angehörige mussten entscheiden, wer öffentlich trauern darf und wer nicht. Es war und ist bis heute eine abstruse Situation. Was gut tut, bleibt aus, weil es krank machen oder gar töten kann. Es leuchtet ein, aber es ist oft schwer auszuhalten.Und auch, wer heuer niemanden verloren hat, kann da doch mitfühlen und sich hineinversetzten, oder hat einen lieben Verstorbenen im Kopf und Herz, auch wenn dessen oder deren Namen heute nicht mit verlesen wurde.  Umso besser, dass wir das heute noch einmal hier in der Kirche bewusst tun: An die Menschen zu erinnern, die uns fehlen und besonders an die, die vielleicht keine Trauerfeier bekommen konnte, wie man es vor der Pandemie gewohnt war.

 

II.
Tod ist nicht gleich Tod. Jede und jeder erlebt es anders, wenn ein Stück Identität aus dem eigenen Leben mit dem Verlust eines Menschen mit wegbricht. Jeder Abschied ist anders und jede Trauer ist anders. Jede und jeder von Ihnen hat ganz andere erlebt seit dem Abschied. Die eine von uns empfindet es vielleicht als Erlösung, dass Befreiung von Krankheit und Schmerz gekommen ist, für den anderen bleibt ein dankbarer Rückblick auf ein erfülltes Leben, auch wenn es Höhen und Tiefen gab. Der andere kämpf vielleicht bis heute mit den Tränen. Und doch - bei aller Individualität, wenn wir heute zusammenkommen als ganz unterschiedliche Menschen, die alle im je eigenen Trauerprozess stecken. Alle haben Sie jemanden verloren. Der Tod ist Realität geworden in unserem Leben. Das ist er immer, aber er hat sich wieder einmal bewusst gemacht. Egal wie weit oder nah es heute auch sein mag. Und noch eines war bei jeder Beerdigung mit oder ohne Corona gleich: An jedem offenen Grab wurde ein Bibeltext gelesen, der in diese Trostlosigkeit des Grabes ein Hoffnungslicht leuchten hat lassen. Einen der ausdruckstärksten Texte der Bibel, wie ich finde. Die Vision des Johannes. Das, was er sieht, was er sich im Glauben vorstellt, wie es sein wird, wenn alles an sein Ende kommen wird. Wenn das, was in dieser Welt einmal schön und wertvoll war, Vergangenheit wird. Heute ist dieser Text der Predigttext. Heute soll seine Vision noch einmal klingen. Heute soll sein Hoffnungslicht nocheinmal hell scheinen.

Predigttext. Offenbarung 21

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. 

Für mich ist das einer der emotionalsten Momente bei einer Beerdigung. Das Absenken des Sarges oder der Urne, das Loslassen und Abgeben und dann diese Worte, die den Blick weiterschweifen lassen - über das Grab hinaus in eine helle und warme Ewigkeit. Worte, die die Sehnsüchte treffen und die berühren, die dem, was man sich in dem Moment, wenn man am Grab steht so sehr erhofft und ersehnen möchte, Sprache und Bilder geben, ja in den Worten bereits Realität werden; so stark, dass sie durch Tod und Trauer hindurchschreiten und einen Durchgang in einen scheinbar feste Mauer brechen. Wie ein warmer befreiender Protest: Nein, das Grab ist nicht die Endstation des Lebens. Nein, es geht weiter. Nein, lass es dir das nicht einreden und glaub erstrecht nicht, dass Menschen im Tod verloren gehen. Siehe ich mache alles neu. Es ist geschehen. Ein Blick, der in die Ewigkeit schweift, wo alle Blicke nach unten gehen.

 

III.
Als Prediger muss ich auch ehrlich sagen, egal was ich sage. Das sind so starke Bilder, die auszuführen oder zu erklären und viele Worte dazu zu machen, das braucht es nicht. Das sind Bilder die stehen für sich und Worte, die klingen für sich. „Das Meer ist nicht mehr“. Oder: „Gott wird abwischen die Tränen von den Augen.“ Das sind Bilder die gehen ins Herz. Die fühlt man, wie sie wirken. Bilder, die beschreiben, was man mit Worten niemand sagen kann.

Wie würde ich mir das wünschen, dass es genau so sein wird. Das da auf der anderen Seite eine neue Welt ist, ein strahlend helles weites Haus, in das all die Menschen und irgendwann auch Sie und ich einziehen werden Heimat haben, Gott als Nachbarn. Und doch wissen wir: Heute am Ewigkeitssonntag ist die Zeit der Tränen noch nicht vorüber. Der Tod mutet sich uns zu. Niemand von uns darf ein Leben ohne Abschiede und Friedhofsgänge erwarten. Es wird  Tränen geben. Und es ist gut sie weinen zu dürfen. Sie bringen Gefühle ins Fließen. Sie erzählen Geschichten der Liebe und des gemeinsamen Lebens. Gott sieht sie. Aber am Ende, dann wird er sie abwischen mit einer zärtlichen Geste wie eine liebevolle Mutter bei ihrem Kind. Kann ich das glauben? Geht unser Weg über das Grab hinaus? Der schweizer Dichter Kurt Marti versucht eine Antwort darauf:

 

ihr fragt
was ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
wann ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s
eine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s
keine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben

ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung - heute und jetzt.

(Kurt Marti)


Amen.